Marcos über Gemeinsamkeiten und Bündnisse der Linken und Rechten
Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung
6. Februar 2007
An alle die es angeht:
Hier kommt ein Kommunique über Verrate, neue Betrügereien (neuerdings
als "Verbrechensbekämpfung" getarnt) und nicht allzu verborgene
Pläne.
Uns hier geht es gut (auch wenn's keinen interessiert, nur um Sie zu ärgern), und wir bereiten alles für die zweite Etappe vor. Es heißt,
dass mehrere Delegierte hinausziehen werden, und dass wir nur noch
auf die Bestätigung des indigenen Volkes der Cucapá in Baja
California warten, um den Neustart anzukündigen. Einer
(nicht)vertrauenswürdigen Quelle zufolge, deren Identität nicht
verraten werden darf (aber sie hat erstaunliche Ähnlichkeit mit einem
Käfer), enthüllte, dass das im März sein wird.
Was? Sie sind bestürzt, weil das mit Yucatán nur ein kleiner
Ausschnitt eines größeren Musters ist? Ich hasse es zu sagen, dass
ich's Ihnen ja gesagt habe, aber ich hab's Ihnen ja gesagt.
Jetzt schreiben die, dass AMLO's Bewegung und die Andere Kampagne
zusammenkommen müssten (ha!), während sie die restlichen
Schiffbrüchigen des Yunque rekrutieren, die von Calderóns
Traditionalisten verdrängt worden sind. Wie wär's stattdessen mit so
einer Karikatur, die sagt, wir in der Otra würden der Rechten in die
Hand spielen; und noch eine, die der zur "demokratischen Revolution"
konvertierten "Yunquista" applaudiert? Oder eine DVD mit dem Titel
"Wer ist Señora Payán?" von der Millionen Kopien verteilt werden (nur
um zu sehen, ob das irgendjemanden überzeugt)? Oder eine
Rednertribüne in schwarz, gelb ... blau? Oder ein "Nationaler Dialog"
mit dieser Rosa als Hauptrednerin (wenn Napito ihnen schon"brüderliche" Grüße schickt, muss das doch etwas wert sein, oder?)?
Oder ein ausführliches Essay darüber, weshalb die
lopezobradoristische CND die Annäherung an den verwaisten Yunque
suchen müsse (von dem es heißt, er habe keine Mutter)? [1] Oder eine
entrüstete Strafpredigt aus dem Cono Sur, die das Sektierertum der
Anderen Kampagne anprangert? Oder wieso nicht so eine journalistische
Kolumne, die den "historischen" und "ursprünglichen" Charakter
hervorhebt, den sie mit der äußersten Rechte gemein hat.
Oder wie wär's mit einem kurzen Überblick auf das glänzende Kabinett
der "legitimen Regierung"? [2] Zum Beispiel, Außenminister Gustavo
Iruegas: einer der Architekten des Acteal Massakers, Befürworter der
(übrigens gescheiterten) Strategie von "man muss ein Schlag gegen die
EZLN führen um sie zum Dialog zu zwingen", einer der "sieht nichts,
hört nichts" der Regierungsdelegation am Gesprächstisch von San
Andrés für Demokratie, derjenige, der sagte, die PRI würde immer an
der Macht bleiben, und die Zapatisten sollten sich besser an den
Gedanken gewöhnen (vier Jahre später haben sie die Wahlen verloren,
und zwar ganz ohne Wahlbetrug), er, der vom Zedillismus in den Schoß
von Jorgito Castañeda überging (übrigens, wo treibt der sich
eigentlich herum? ... Was? ... Er wartet auf eine PRD Kandidatur? ...
Woah! Hab ich's nicht gesagt?), und heute herausragender"Verteidiger" des demokratischen Kampfes.
Und das mit dem Einsatz von Soldaten zur Bekämpfung des Drogenhandels
(und die damit einhergehende Militarisierung des zivilen Lebens), war
das nicht mal eins von AMLO's Wahlversprechen? (siehe: La Jornada,
30.Januar, 2006) [3].
Und jetzt beklagen sie sich, dass Calderón ihre "populistischen"
Vorschläge "kopiert"?
Kann ein Programm, das problemlos von der Rechten adoptiert wird,
wirklich links sein? Wie war das noch mal mit der unmöglichen
Geometrie (hmm... das klingt doch irgendwie vertraut) [4].
Wie dem auch sei, nur keine Aufregung, bis 2011 ist alles längst
vergessen. Dann werden sie wieder die Geschichte editieren (nach der
Methode "Schere und Kleister", Collingwood dixit) und sagen, dass
AMLO (oder Ebrard, denn wenn's um hohe Einsätze geht gibt es keine
Loyalität, fragen sie mal Cuauhtémoc) die "linke" Alternative sei,
und jeder der ihn kritisiert, ein Rechter ist... bis er Kandidat der
PRD ist (oder wie auch immer die neue Partei heißen wird); dann
werden sie wieder mit Süßigkeiten um sich werfen, die in Umfragen
eingehüllt sind; sie werden sich wieder mit Regierungsposten
anstacheln und argumentieren, das wichtigste sei jetzt erstmal "die
Rechte aufzuhalten, alles andere kommt danach"; dann werden sie
wieder auf ihre Rednertribünen klettern und "die Massen orientieren";
dann werden sie wieder sehen wie alles ausgeht. Und danach werden sie
wieder in Angeberei und Vergessenheit verfallen ("er muss sich jetzt
auf 2018 vorbereiten, meine Guten").
Sagte ich 2011? Hmm ... ich glaube bis dahin ... na gut, das ist ja
eine ANDERE Sache.
Vale. Salud, und wie jemand mal sagte, es fehlt noch das was fehlt.
Aus den Bergen des mexikanischen Südosten.
Sup Marcos (yo merengues)
P.S.. Heute gibt es kein P.S. (aber ich hätte da eine echt gute
Karikatur, möchten Sie die nicht?).
Es gibt natürlich immer ein P.S. Damit Sie sehen, dass wir nicht
nachtragend sind, geben wir Ihnen einige "Tipps" für zukünftige"Distanzierungen":
a) Als Bücher getarnte Distanzierungen: "Mein Gang
durch den Yunquismus" [5] und "Adios, Fisch-Gesicht" [6].
b) Als
Aussagen von Reportern maskierte Distanzierungen: "In meinem Alter
kann ich mich nicht mehr mit diesem Abklatsch der anhaltenden
Volksverrechtung abgeben". "Er (diesmal auf AMLO bezogen), hat mir
befohlen mich aus der Versammlung zu entfernen" [7].
c) Nach Bedarf
redigierte Parolen. Die Selbstkritische: "Es ist ein Irrtum mit
Obrador zu verharren". Die Zynische: "Es ist eine Ehre im Irrtum zu
verharren". Die Nachtragende: "es ist eine Schande mit Obrador zu
verharren". Die Unentschlossene: "es ist schrecklich mit Obrador zu
verharren"
Was? Gefallen sie Ihnen etwa nicht? Lassen Sie mich kurz überlegen,
dann schicke ich Ihnen eine 'Andere' (hmm ... gibt es
Postzustellungen im Almoloya Gefängnis?)
Der Sup, Reloaded and Improved (jetzt neu - mit Milch).
* * *
übs. von Dana
Quelle:
http://www.jornada.unam.mx/2007/02/09/index.php?section=politica&artic
le=020n2pol
Anmerkungen der Übersetzerin:
[1] mex. Wortspiel: "no tener madre", wörtl. "keine Mutter haben" =
in etwa "kein Anstand haben"
[2] Bevorzugte Selbstbezeichnung der von AMLO gebildeten"Gegenregierung".
[3] http://www.jornada.unam.mx/2006/01/30/009n1pol.php
[4] siehe Marcos' Kommunique "Die Unmögliche Geometrie der Macht",
aus Juni 2005
( http://www.chiapas98.de/news.php?id=1261 )
[5] Autsch! Auf Spanisch: "Mi paso por el yunquismo". Kleiner
Seitenhieb auf das "kritische" Machwerk "Mi paso por el zapatismo (Un
testimonio personal)" von Rodriguez Araujo, ehemals eifriger
Bewunderer des Zapatismus, nun glühender Anhänger von López Obrador.
( http://nuevamayoria.com/ES/BIBLIOTECA/resenas/051201.html ).
[6] Auf spanisch: "Adiós Cara de Peje". Peje, ist der Spitzname von
López Obrador, Kurzform von "pejelgato", eine Art Sumpffisch, der wie
AMLO im Bundesstaat Tabasco heimisch ist. Anspielung auf das Buch
"Adios Cara de Trapo" (Adios, Lumpengesicht), mit dem Jaime Aviles,
ein weiterer langjähriger Schmeichler des Zapatismus, seiner zuweilen
etwas pathologischen Marcos-Fixierung den Rücken kehrt, um sich ganz
dem AMLO-Kult widmen zu können. Wer Ironie mit einem Bezug zur
Gegenwart zu schätzen weiß, dem sei auch Aviles' früheres Loblied auf
das Lumpengesicht: "Marcos y la insurrectión zapatista", aus dem
Jahr1997 zu empfehlen.
[7] Anspielung auf Elena Poniatowska, ehemalige zapatistische
Fürsprecherin, die heute noch der (unbegründeten und entkräfteten)
Vorstellung anhängt, Marcos habe sie aus der Vollversammlung der
Anderen Kampagne hinausgejagt, weil sie AMLO Anhängerin sei.