Zapatistas und linke Aktivisten aus 48 Staaten trafen sich in Chiapas zum Austausch
Mexikos Zapatistenrebellen mögen in die Jahre gekommen sein, müde sind sie nicht. Den 13. Jahrestag ihres Aufstandes im verarmten südlichen Bundesstaat Chiapas beging die indigene Bewegung der Zapatistischen Armee zur nationalen Befreiung (EZLN) in dem Dorf Oventic mit einer Konferenz über die friedliche Bekämpfung des Neoliberalismus.
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Die Landschaft des mexikanischen Hochlands ist geprägt von schnellen Wetterumschwüngen von praller Sonne hin zu dichtem Nebel. Sinnbild für das Auf und Ab der medialen Konjunktur in Bezug auf die Zapatistische Armee zur nationalen Befreiung (EZLN), die sich am 1. Januar 1994 unter der Losung »Land und Freiheit« für zwölf Tage bewaffnet gegen Ausbeutung und Rassismus erhoben hatte. Die Zapatistas engagieren sich seitdem zivil, verfügen aber weiterhin über Guerilla-Einheiten zum Selbstschutz.
Zeitweise waren die Zapatistas um ihren Subcomandante Marcos ein Liebling der linksliberalen Öffentlichkeit in Mexiko. Doch davon ist nicht mehr viel zu spüren. Vom »Internationalen Treffen zwischen den zapatistischen Gemeinden und den Völkern der Welt« um die Jahreswende in Oventic nahm die mexikanische Öffentlichkeit kaum Notiz. Mexikos umstrittener, neuer Staatspräsident Felipe Calderón von der konservativen PAN duldete das Treffen stillschweigend.
Dabei tauschten sich über 2000 Teilnehmer aus 48 Ländern untereinander und mit rund 3000 Zapatistas über den Widerstand gegen Kapitalismus und Marginalisierung aus. Die Stimmung auf dem aktuellen Treffen wechselte zwischen Konzentration und ausgelassener Heiterkeit. Nachts wurde getanzt und gefeiert – ganz ohne Rauschmittel. Drogen sind bei den Zapatistas nämlich verboten.
Den Schwerpunkt der Konferenz bildeten die Vorträge der fünf Verwaltungsräte der Bewegung. Sie erläuterten ausführlich, wie sie trotz Militärbelagerung und Sabotage ihre autonomen Strukturen in den Bereichen Selbstregierung, Bildung, Gesundheit, Frauen, Kommunikation, Kunst und Kultur, alternativer Handel sowie Landfrage aufbauen. Zentrale Aspekte der Autonomie sind der basisdemokratische Anspruch und die jederzeit mögliche Ersetzbarkeit von Funktionsträgern. So soll verhindert werden, dass Korruption entsteht und die Bevölkerung mit unerwünschten Entscheidungen übergangen wird. Neben den »bescheidenen Erfolgen« (O-Ton EZLN) wurden immer wieder die Probleme und Unzulänglichkeiten in der Projektarbeit thematisiert.
Im Anschluss an die Vorträge von insgesamt 232 Ratsmitgliedern und weiteren Kommandanten gab es stets Raum für Nachfragen. Am Ende jedes Workshops stellten Teilnehmer aus verschiedensten Staaten ihre Widerstandsprojekte vor. Darunter fanden sich vor allem alternative Bildungs-, Kultur- und Frauenprojekte. Die Aktivisten betonten immer wieder, dass sie – inspiriert durch die Zapatistas – eine neue Form des Politikmachens und eine Überwindung des Kapitalismus anstrebten. Lokal und weltweit sollen außerparlamentarische Basisbewegungen ausgebaut und weiter vernetzt werden. Ein großes weltweites »Treffen gegen Neoliberalismus und für die Menschheit« ist weiter in Planung.
Ein problematischer Bereich des zapatistischen Alltags in Chiapas ist bis heute die Kommerzialisierung der Anbauprodukte. Die subsistenzbäuerlich geprägte Bewegung leidet wie alle Landwirte Mexikos unter dem Freihandelsabkommen NAFTA zwischen USA, Mexiko und Kanada. Dies setzt mexikanische Kleinbauern rücksichtslos mit hochsubventionierten US-Agrarunternehmen in Konkurrenz. Häufig lohnt sich der Verkauf der Produkte nicht, da die Transportkosten zum nächsten Markt jegliche Gewinnspanne verschlingen. Im ökonomischen Sektor hoffen die Zapatistas vor allem auf einen Ausbau alternativer Handelsbeziehungen wie den Vertrieb von Kaffee oder Kunsthandwerk ohne Zwischenhandel durch solidarische Kooperativen im In- und Ausland. Auch der interne Handel soll gestärkt werden.
Besonders stark besucht war die Arbeitsgruppe zum Thema »Frauen«. Vor über 1000 Teilnehmern berichteten etwa 20 Zapatistinnen kämpferisch, wie schwer ihr Alltag in der von Machismo geprägten Gesellschaft ist. Dabei schreckten sie nicht davor zurück, das Verhalten der Männer in der eigenen Familie scharf zu kritisieren. Die Sprecherinnen wiesen jedoch auch darauf hin, dass sie inzwischen Führungspositionen besetzen und in den 13 Jahren des Aufstands deutliche Fortschritte erkämpft haben. Sie unterstrichen, dass die Guerilla den Frauen die Augen geöffnet habe und betonten die Wichtigkeit der Arbeit von Comandanta Ramona, die Anfang 2006 verstorben war. Sie hatte gemeinsam mit anderen Frauen in einer jahrelangen Mobilisierung 1993 die Revolutionären Frauengesetze durchgesetzt.
Die Journalistin Gloria Muñoz, die seit über acht Jahren intensiven Kontakt zur Bewegung hat, betonte im ND-Gespräch, dass die Bewegung viel erreicht habe: »Es gibt klare positive Entwicklungen, vor allem in den Bereichen Gesundheit und Bildung. Gleichzeitig existieren aber Tausend Herausforderungen und Schwierigkeiten.« Hermann Bellinghausen, Mitbegründer der renommierten mexikanischen Tageszeitung »La Jornada« zeigte sich davon beeindruckt, dass die Bewegung heute vor allem von jungen Frauen und Männern getragen wird, die 1994 noch Kinder waren und ihre Bildung in karg ausgerüsteten Schulen unter schwierigsten Bedingungen erhielten. Comandante David betonte die Wichtigkeit der internationalen Vernetzung für die Zapatistas und Globalisierungskritiker: »Nur, wenn sie uns alle umbringen, werden sie unsere Idee aufhalten, eine neue antikapitalistische linke Bewegung aufzubauen.«
Luz Kerkeling, Chiapas
http://www.nd-online.de/artikel.asp?AID=103144&IDC=12
(Neues Deutschland 9.1.2007)