Aktuelle Ereignisse in zapatistischen Gemeinden

URL: http://de.indymedia.org/2008/02/207904.shtml
Indymedia.de, s@ra 13.02.2008 18:24

Aktuelle Zusammenstellung über einige Ereignisse der letzten Zeit in den zapatistische Gemeinden. Dieser Artikel soll verdeutlichen, dass die aktuelle Situation in Chiapas alles andere als ruhig ist und internationale Solidarität nötig ist. Aktuelle Situation in Chiapas
In letzter Zeit musste mensch immer wieder feststellen, dass das Bild, welches über die aktuelle Situation in Chiapas existiert, oft nicht der Realität entspricht. Bei Gesprächen mit TouristInnen und FreundInnen in Mexiko wurde mensch des öfteren mit der Einschätzung konfrontiert, dass die Lage in Chiapas ruhig sei, bis hin zu "Was, die Zapatisten gibt es noch"? Nein, die Lage in Chiapas ist nicht ruhig, und ja, die ZapatistInnen gibt es noch... Da Informationen zur Zeit oft nur spärlich durchsickern, oder über Verteiler laufen, hier der Versuch ein paar detailliertere Informieren der letzten Monate an eine breitere Öffentlichkeit weiter zu geben.

Eine kleine Chronik aktueller Ereignisse: Seit September kommt es im
Dorf Bolon Ajaw zu brutalen Übergriffen und Bedrohungen seitens der
paramilitärischen Organisation OPDDIC und Polizei. Mitglieder der OPDDIC
feuerten in der Nähe des Dorfes Schüsse aus einer scharfen Waffe ab, in
die Luft und direkt auf einen Compa. Sie bedrohten ZapatIstinnen verbal
sowie auch schriftlich mit dem Tod, Vergewaltigung und Folter: "Wir
werden sie töten"; "Wir haben keine Ehefrauen, wir werden uns ihre
Frauen und Töchter greifen, sie vergewaltigen und sie zu unsere Frauen
machen"; "Wir werden uns ihre Kinder greifen und Hackfleisch aus ihnen
machen"; "Wir werden ihm die Zunge herausschneiden". "Haut lieber von
diesem Land ab"...dies sind nur einige der Einschüchterungen.

Ziel des Ganzen ist es, die ZapatistInnen aus der Region zu vertreiben.
So schlugen sie einen kranken Dorfbewohner bis zur Bewusstlosigkeit
zusammen und verdrehten einem Kind den Arm bis es schrie. Sie drangen
auf ihre Felder ein und bedrohten die Campesinos, was dazu führt, dass
die Compas nicht ihren überlebensnotwendigen Arbeiten auf dem Feld
nachkommen können, ohne Angst zu haben, dass ihnen oder ihrer Familie,
die zu Hause ist, was passiert.

Nicht wirklich überraschend äußerten sich öffentliche Stellen wie die
Bundes-, Staats und Bezirksbehörden in einem Interview mit CAPISE
(Zentrum für Politische Analyse und Soziale und Wirtschaftliche
Forschungen. Nicht e gegen die paramilitärischen Übergriffe soll
vorgegnagen werden (obwohl die Namen der Angreifer bekannt sind),
sondern ihr Interesse liegt in der "Umsiedlung" der zapatistischen
Unterstützungsbasen.

Zu weiteren besorgniserregenden Angriffen kam es in der Gemeinde Betel
Yochip. Am 29. Dezember wurde auf den Compañero Pablo Silvano Jiménez,
41 Jahre alt, geschossen. Der erste Schuss wurde von einem Mitglied der
OPDDIC abgegeben. Als Silvano Jimenez dann anfing um sein Leben zu
rennen, feuerten die nächsten Schüsse die daneben stehenden Polizisten
ab. Er wurde ins rechte Bein getroffen und konnte noch 150 Meter weiter
laufen bevor er zusammenbrach. Durch seine Rufe: "Sie bringen mich um",
konnte er sich wohl retten. Als Polizei und der Anhänger der OPDDIC
merkten, dass ein anderer Compa zu Hilfe kam ließen sie von ihm ab und
verschwanden. Silvano Jimenez wird schon seit 1994 mit dem Tode bedroht.
Auch vor Angriffen auf seinen Sohn schreckten sie nicht zurück. So
entführten sie ihn und hangen ihn auf. In letzter Sekunde konnte der
Bruder ihn befreien.

Am 01. Februar diesen Jahres wurden zwei Compañeros, Eliseo Silvano
Jimenez und sein Sohn Eliseo Silvano Espinosa, der gleichen Gemeinde
festgenommen. Sie waren gerade mit dem Motorrad unterwegs um an der
Unterkunft für die Campamentistas zu arbeiten, als ein roter Wagen ohne
Nummernschild hielt in Begleitung zweier Polizeiautos. Aus dem roten
Wagen stiegen sechs schwer bewaffnete Polizisten in ziviler Kleidung.
Während dem Vater Handschellen angelegt wurden, holte ein anderer
Polizist seine Waffe raus, und unter Gelächter wurde auf die beide
geschossen. Eine Kugel traf den Fuß des Vaters. Beim Schießen rief ein
Polizist: "Wollen wir sie jetzt töten"? Ein anderer Polizist schrie:
"Nein, besser wir nehmen sie mit, und bringen sie an einem anderen Ort
um". Als der Polizist dann noch mal auf den schon angeschossenen Fuß des
Vaters schießen wollte, griff der Sohn beherzt ein, und ergriff die Hand
in der die Pistole war, und sagte ihm, dass er nicht schießen solle.
Daraufhin schlugen sie den Sohn am Körper und Kopf und brachten ihn in
den Wagen. Die Arme auf dem Rücken und mit Handschellen gefesselt wurden
beide weiter misshandelt. Während einige Polizisten auf die Körper
einschlugen drückten andere ihnen ihre Stiefel ins Gesicht. Im Gefängnis
angekommen ging die Folter weiter. Eliseo Silvano Espinosa wurde so
lange gewürgt bis seine Arme und Beine anfingen zu zittern, dann ließen
die Polizisten von ihm ab und begannen zu lachen. Beide bekamen dann
noch Tränengas in die Augen gesprüht und direkt danach wurde ihnen
jeweils eine weiße Plastiktüte über den Kopf gezogen. Darüber bekamen
Vater und Sohn noch eine rote Plastiktüte gezogen und sie drückten zu.
Sie waren dem Ersticken nahe. Noch gefesselt mit Handschellen bekamen
sie zusätzlich Schläge auf die Brust, Rippen, Magen und in den
Unterleib. Des Weiteren musste der Vater ein Gewehr in die Hand nehmen,
und der Sohn eine Pistole. So wurden sie dann abfotografiert. Nach den
Folterungen wurde der Sohn ins Gefängnis von Playas de Catazaja
überführt und der Vater wurde in das Krankenhaus General de Palenque
gebracht. Die rechte Hand und der rechte Arm des Vaters sind
angeschwollen, außerdem ist der Arm gebrochen. Er hat Prellungen am Kopf
und Brust, und am Rücken eine ca. 10-15 Zentimeter große Brandwunde,
verursacht von einer kochenden Flüssigkeit. Trotz seines schlechten
Zustands wurde er am nächsten Tag ins Gefängnis verlegt. Vor wenigen
Tagen wurden die beiden Compañeros getrennt von einander freigelassen.
Beide wiesen Spuren von Folter am ganzen Körper auf. Ein medzinisches
Gutachten kam zu dem Schluss, dass beide während ihrer Gefangenschaft
unzureichend medizinisch versorgt wurden. Auch die weiter juristische
Arbeit wird massiv behindert. Auf Anfragen über die entsprechende
Strafakte, die der Verteidigung niemals zur Kenntnis gebracht wurde,
reagierte das Personal der Strafanstalt von Playas de Catazaja
despotisch und verwies an den Pflichtverteidiger. Dieser behauptete, er
sei keineswegs verpflichtet gewesen dritte über diese Strafakte zu
informieren, da sie der Bundesstaatsanwaltschaft unterliegen würde. Ein
toter Companero ist des Weiteren aus der Gemeinde Santa Rosalia
(Comitan) zu beklagen. Hernandez Pomez wurde von einem Auto angefahren
und tödlich verletzt. Die Junta del Buen Gobierno erkennt ganz klar
vorsätzliche Tötung und keinen Unfall. Die Gemeinde in der Herr Gomez
lebte ist gespalten, was bedeutet, dass dort ZapatIstInnen zusammen mit
anderen politisch gerichteten Menschen leben, was zu Konflikten führt.
Innerhalb dieser Gemeinde kam es aufgrund von übermäßiger Holzfällung
dazu. Die Holzfällung wurde nicht von den Zapatistinnen ausgeführt, sie
wurden dafür aber denunziert und verfolgt. Als die
Bundesstaatsanwaltschaft für Umweltschutz sich Zutritt in die Gemeinde
verschaffen wollte wurden sie von den Companer@s aufgehalten. Ihnen
wurde ein Funkgerät, Ladegerät und ein Mobiltelefon abgenommen. Diese
Gegenstände wurden damals von dem Verstorbenen persönlich an Wilmar
Pérez, den Regierungsdelegierten von Comitán zurück übergeben.

Diese aufgelisteten Übergriffe sind nur einige von vielen. Wichtig ist
es jetzt uns zu fragen, warum das passiert. Was sind die Gründe dafür,
dass z.B. paramilitärische Gruppen finanziert und mit Waffen ausgerüstet
werden? Die Antwort ist in der kapitalistischen Staatslogik zu finden.
Mit dem Nordamerikanischen Freihandelsabkommen (NAFTA) hat sich die Lage
nur noch weiter zugespitzt. Und am 01.Januar 2008 sind auch die letzten
Handelsbeschränkungen gefallen. Nun können Produkte wie Mais, Bohnen,
Milchpulver und Zucker können frei eingeführt werden. Damit werden
Billigimporte die Märkte überschwemmen. Aber gerade diese Produkte sind
überlebenswichtig für die (arme) Bevölkerung. Die ZapatistInnen stellen
sich dagegen und führen einen antikapitalistischen Kampf. Mit ihren
autonomen Gemeinden und der Junta del Buen Gobierno haben sie es
geschafft andere Strukturen aufzubauen. In ihrem autonomen Schulsystem
geht es nicht darum, soviel wie möglich "input" zu verschaffen um das
bestmöglichste Humankapital zu erwirtschaften. Es wird gelernt was zum
Leben wichtig ist, und nicht nur die grundlegenden Fächer, sondern auch
ein Verständnis von Solidarität und Respekt anderen Lebensformen und
Denkweisen gegenüber. Diese Strukturen passen natürlich nicht in das
kapitalistische System und sollen deshalb aus dem Weg geräumt werden.
Wer nicht verwertbar ist und im schlimmsten Fall noch Widerstand leistet
hat de facto kein Recht auf seine/ihre Existenz. Da nützen die
Menschenrechte auch nichts, welche in meinen Augen sowieso nur eine
Farce sind. JurastudentInnen lernen schon im ersten Semester, dass
Gesetze eine Sache von Interpretationen sind. Außerdem ist es nicht
möglich innerhalb dieses Systems einen Weg zu einem freien und
menschenwürdigen Leben zu finden. CAPISE wird im April eine Rundreise
durch Europa antreten, um über die Situation in Chiapas zu informieren.
Ich hoffe, dass damit mehr Menschen aufwachen und sich solidarisch
erklären werden. Subcomandante Marcos hat in einem systemkritischen
Colloquium im Dezember vergangenen Jahres angemerkt, dass es zwar schon
immer zu Übergriffen auf zapatistische Gemeinden kam, es aber noch nie
so wenig nationale wie internationale Resonanz darauf gab.

Vergesst den antikapitalistischen Kampf nicht, der hier stattfindet!!!
Angegriffen werden Andere, gemeint sind wir alle.

Quellen:
chiapas98.de
chiapas.ch
chiapas.indymedia.org