Schulen werden überfallen: Schwer bewaffnete Spezialeinheiten dringen
in Kindergärten und Grundschulen ein und entführen die anwesenden
LehrerInnen, denen die Teilnahme an der Volksbewegung APPO
vorgeworfen wird. Gefangene, sogar Menschrechtler, werden gefoltert:
Wir senden deine Glieder einzeln deinen Familienmitgliedern zu, wir
werfen dich aus dem Helikopter, lauten die harmlosesten Drohungen.
Kirchenmänner sprechen von Zuständen wie im Guatemala von Rios Montt
und postwendend attackieren sie Paramilitärs. Internationale
Menschrechtsorganisationen schreien auf, sie hätten geglaubt,
Verschwundene habe es nur in den Militärdiktaturen Südamerikas
gegeben, nun hätten sie eine lange Liste solcher Namen in Oaxaca. Auf
dem Land wird ein Militanter der sozialen Organisation CODEP
niedergeschossen, er liegt mit fünf Kugeln im Leib in einem Spital
und seine Compañeros fürchten, dass er noch in diesem Zustand von
Polizeieinheiten verschleppt wird.
Das sind die düsteren Nachrichten aus dem Oaxaca von Anfang Dezember.
Die "harte Hand" von Calderón bekommt als erstes die Volksbewegung
APPO in Oaxaca zu spüren. Die APPO, eine bisher mit nicht-
militärischen Mitteln kämpfende Koalition von Massenorganisationen,
soll vernichtet werden. Oaxaca darf nicht Schule machen, denn die
APPO steht für eine neue, radikal basisgenerierte Art der Politik,
und für einen Aufstand gegen die neoliberale Privatisierungsmafia,
mit welcher in Oaxaca auch Firmen wie ABB und Nestlé ihre Geschäfte
machen. An diesem grossen Aufstand nahmen viele, fast alle teil,
blieben sechs Monate lang auf den Barrikaden, auf den Demos, in den
Radiostationen. Eine unvorstellbar lange, kräfteraubende
Mobilsierung, AktivistInnen wie die berühmte Doctora Bertha von Radio
Universidad - über die sogar die NZZ respektvoll als "Stimme des
Widerstands" schrieb (bzw. aus El Pais abschrieb) - bestehen nur noch
aus Haut und Knochen. Aber nie hat sich die Bewegung verlaufen, sie
ist bloss angesichts der massiven militärischen Besetzung seit Ende
Oktober abgetaucht.
Und das Grüpplein der Aufrechten um den kokainabhängigen Gouverneur
Ulises Ruiz ist so klein, dass es nicht einmal gelang, im sogenannt
befriedeten Stadtzentrum den Hauptplatz mit den vorweihnachtlichen
Blumengaben der BürgerInnen zu beschmücken, wie das Tradition ist; so
wurden zwei Drittel des Platzes noch schnell von der Regierung
ausgeschmückt. Ruiz simuliert weiterhin Normalität, eine Normalität,
in der Verfolgung und Folter, Korruption und Vetternwirtschaft eben
die Norm ist, und die von der Bevölkerung in Oaxaca nach diesem
halben Jahr der radikalen Politisierung und der gelebten Utopie nie
mehr hingenommen werden wird.
Am Freitag, den 1. Dezember, übernahm Calderón mitten in einem medial
inszenierten Tumult im Parlament die Macht, wo Abgeordnete der
Regierungspartei PAN unter Anleitung der Präsidentengarde des
Militärs die Tribüne mit Barrikaden aus Parlamentssesseln und
Fausthieben verteidigten. Am Montag, dem ersten regulären Arbeitstag
des Präsidenten, traf Calderón sich zuallererst mal mit der
spanischen Unternehmerschaft. Für Dienstag waren dann Verhandlungen
mit der APPO angekündigt, worauf sich einige Vertreter der APPO aus
der Klandestinität an die Öffentlichkeit trauten, darunter Flavio
Sosa. Und flugs wurden sie aus einer Pressekonferenz heraus
verhaftet. Verhandlungen als Falle (wie 1995 in Chiapas, wie 1919 bei
der Ermordung von Emiliano Zapata). Diesen Mittwoch das hehre und
dennoch nicht selbstlose Angebot der sozialdemokratischen PRD and die
Regierung Calderón, alle Streitigkeiten über dessen Amtsantritt und
das Budget zu beenden, wenn er das Problem in Oaxaca politisch löse,
die Gefangenen frei- und den Gouverneur entlasse.
Quelle: http://www.jps.org.mx/noticias/reporte.html
Mexiko verspielte 2006 seinen schon vorher angezweifelten
demokratischen Ruf komplett. Die politischen Spielräume wurden
schnell immer enger und sind auf die vier ungleich abgeschrägten,
grellweissen Wände der Hochsicherheitsgefängnisse
zusammengeschrumpft, wo sich nicht nur Kommandanten der Guerillas
gegen die weissen Folter zu wehren versuchen sondern immer mehr auch
StudentInnen, Bauern von Atenco, LehrerInnen einsitzen. Der alte
mexikanische Romancier Carlos Fuentes, der alles andere als ein
linker Aktivist ist, mahnte vor zwei Jahren, als López Obrador durch
einen konstruierten Prozess von der Kandidatur zur
Präsidentschaftswahlen abgehalten werden sollte: Wenn man der
mexikanischen Linken die parlamentarische Partizipation verweigere,
dann bleibe ihr bloss der leidvolle Weg zurück in die Berge, in die
Guerilla. Heute, nach 2006, nach Atenco, Wahlbetrug und Oaxaca,
scheinen diese Worte leider fast schon prophetischen Charakter zu
haben.
Doch ein Funken Hoffnung glüht weiter: Am Sonntag, dem Tag der
Menschenrechte, findet die achte Megamarcha in Oaxaca statt, trotz
militärischem Belagerungszustand werden wieder zigtausende
Oaxaqueños/as den Rücktritt des verhassten Gouverneurs fordern,
unterstützt von der parlamentarischen Linken. Doch für den Fall der
Verlagerung auf die militärische Ebene sorgt die mexikanische
Regierung schon mal vor - und bestellt in Stans weitere Pilatus
Porter PC9. Dass sie dieses Kriegsmaterial als bevorzugter
Handelspartner der Schweiz problemlos geliefert bekommt, versteht
sich von selbst. Ausser, wir machen gehörig Lärm.
Direkte Solidarität mit Chiapas