Die Rückkehr des Volkstribuns in Mexiko

Neue Zürcher Zeitung vom 19.03.2008

López Obrador steht wieder mitten auf der politischen Bühne

Mexikos selbsternannter «legitimer Präsident», López Obrador, feiert sein Comeback. Die Krise der staatlichen Erdölgesellschaft und Korruptionsvorwürfe gegen den Innenminister nutzt er weidlich zur
Schwächung der Regierung, und die interne Opposition hat er dank der Wahl eines Protégés zum Präsidenten seiner Partei in die Schranken gewiesen.

axg. Mexiko feiert jedes Jahr zwei Unabhängigkeitstage. Der offizielle ist der 16. September, weil 1810 an diesem Tag der Unabhängigkeitskrieg gegen die spanische Kolonialmacht ausgerufen wurde.
Gestern Dienstag ist der zweiten «Befreiung» gedacht worden. Am 18. März 1938 hatte Präsident Lázaro Cárdenas die Verstaatlichung der mehrheitlich in amerikanischem Besitz befindlichen Erdölunternehmen in Mexiko verkündet. Die Gesellschaft Petróleos Mexicanos (Pemex), die seither das Öl aus dem Golf von Mexiko fördert, ist noch heute ein
nationales Symbol für Eigenständigkeit gegenüber dem übermächtigen amerikanischen Nachbarn. Doch mittlerweile befindet sie sich in einem miserablen Zustand.

«Vaterlandsverräter»

Die erschlossenen Erdölvorkommen gehen in den nächsten Jahren zu Ende, und weil sich der Staat während Jahrzehnten mit dem schwarzen Gold finanziell über Wasser gehalten hat, fehlen Pemex die Mittel, um in
grösseren Tiefen neue Erdöllagerstätten anzubohren. Präsident Felipe Calderón will deshalb die Verfassung dahingehend ändern, dass sich ausländische Investoren als Minderheitsaktionäre beteiligen können. Er
sagt, nur mit strategischen Partnerschaften würde Pemex das notwendige Geld und Know-how erhalten, um geologisch ungünstig gelegene Erdölvorkommen zu erschliessen.

Calderóns Widersacher in der umstrittenen Präsidentschaftswahl von 2006, Andrés Manuel López Obrador, hat sich diese Reformidee zunutze gemacht und malt seit Monaten das Gespenst des Verkaufs von Pemex an
ausländische Konzerne an die Wand. Dieses Szenario geniesst zurzeit wenig Plausibilität. Dennoch ist es López Obrador gelungen, die Menschenüber seine Stammwählerschaft hinaus zu mobilisieren. Calderóns Partido
Acción Nacional (PAN) hat bisher Standfestigkeit bewiesen. Doch braucht er für die Reform die Unterstützung des Partido Revolucionario Institucional (PRI) im Parlament. Dieser wiederum schwankt zwischen der
Versuchung, sich seine Kooperation vom PAN wieder einmal teuer vergüten zu lassen, und der Angst, von López Obradors Partido de la Revolución Demócrata (PRD) mit in den Topf der «Vaterlandsverräter» geworfen zu
werden.

Ein Knappe als Sieger

Die letzten Wochen haben die Aussichten auf ein baldiges Einvernehmen Richtung Nullpunkt getrieben. Am Sonntag ist mit Alejandro Encinas ein treu ergebener Weggefährte López Obradors an die Spitze des PRD gewählt
worden. Jesús Ortega, der Kandidat des moderaten, sich an Sozialdemokraten wie Tony Blair und Gerhard Schröder orientierenden Parteiflügels, unterlag Encinas deutlich. Es ist deshalb unwahrscheinlich, dass die laufende Nachzählung der Stimmen, die Ortega aufgrund vieler Unregelmässigkeiten verlangt hat, den Ausgang ändern wird.

Mit der Wahl Encinas' haben sich die radikalen «Perredistas» durchgesetzt, die sich jeglicher Zusammenarbeit mit dem PAN verweigern, weil sie darauf beharren, dass die Präsidentschaftswahl von 2006 gefälscht und López Obrador um den Sieg gebracht wurde. Die damals gebildete Gegenregierung verlor im Laufe des vergangenen Jahres zusehends an Ausstrahlungskraft. Der Stern des «legitimen Präsidenten» López Obrador begann zu sinken, unter anderem weil der PAN in einer oft unheiligen Allianz mit dem PRI mehr Durchsetzungsfähigkeit bewies, als erwartet worden war. Auch López Obradors Gegner innerhalb des PRD begannen Morgenluft zu wittern.

Doch der Sieg Encinas' und die Nervosität seiner Gegner in der Debatte über Pemex zeigen, dass der Volkstribun innerhalb wie ausserhalb der Partei nach wie vor ein ernst zunehmender Machtfaktor ist. Dies fällt umso mehr ins Gewicht, als die Regierung Calderón durch eine Korruptionsaffäre in Bedrängnis geraten ist.

Die Causa Mouriño

Es war wiederum López Obrador, der Ende Februar mit Dokumenten an die Öffentlichkeit trat, die den Innenminister Juan Camilo Mouriño kompromittieren. Mouriño, der erst zu Beginn des Jahres sein Amt angetreten hatte und zu Calderóns engsten Mitarbeitern zählt, hatte in der letzten Legislatur Positionen im Parlament und in der Verwaltung
innegehabt, in deren Zuständigkeitsbereich Pemex fiel. In dieser Zeit unterzeichnete er aber als Vertreter seines Familienunternehmens lukrative Geschäftsverträge mit dem staatlichen Erdölkonzern. Am Donnerstag hat das Parlament eine Kommission eingesetzt, die den Interessenkonflikt und möglicherweise strafrechtlich relevante Verstösse
untersuchen soll.

Unabhängig von den Ergebnissen wird López Obrador den Fall weiterhin dazu nutzen, den PAN in eine Linie mit dem jahrzehntelang alleine herrschenden, bis ins Mark korrupten PRI zu stellen. Bezeichnend für die missliche Konstellation in der mexikanischen Politik ist, dass es aufgrund des wieder Richtung Fundamentalopposition driftenden PRD eben
diesem PRI obliegt, auch in absehbarer Zukunft die Rolle des opportunistischen Mehrheitsbeschaffers zu spielen.