Bewegung für das
Recht auf Wohnung
Gespräch mit Rosario Hernández Aldaco,
Sprecherin der "Frente Popular Francisco Villá",
Mexiko City D.F.
Wie und wann ist es zur Gründung der Frente Popular Francisco Villá gekommen?
Wir haben vor 13 Jahren als einfache Kooperative im Wohnbereich begonnen. Es kam zum Konflikt mit der Regierung, da wir über keinen Baugrund verfügten. Als Reaktion auf unsere Mobilisierung stellte uns die Regierung einen Grund zur Verfügung. Die Wurzeln unserer Organisation gehen auf das Jahr 1985 zurück, als viele durch das Erdbeben ihre Wohnung verloren haben und sich nach Alternativen umzuschauen begannen. Angesichts der Verschärfung des Wohnproblems haben sich viel mehr Leute zu organisieren begonnen.
Von wem ist die Initiative zur Gründung dieser ersten Kooperative ausgegangen?
Es waren StudentInnen der Fakultät für Politikwissenschaften der Universität. Sie hatten Kontakt zu BewohnerInnen eines Elendsviertels, die von der Stadtregierung delogiert wurden, um einem großen Wohnkomplex Platz zu machen. Sie haben die 3000 Familien des Elendsviertels vorübergehend auf dem Gelände dieser ersten Kooperative untergebracht. Auf diese Weise ist es uns gelungen, mehr Leute zu organisieren. Gleichzeitig wurden wir uns aber der Notwendigkeit bewußt, eine breitere Organisationsform zu schaffen, die neben jenen, die Wohnungen suchten, auch andere Teile der Bevölkerung, etwa Campesinos, umfaßte, und auf diese Weise ist es 1988 zur Gründung der Frente Popular Francisco Villá gekommen. Diese hat sich aber weiterhin vor allem auf die Wohnungskooperativen gestützt, von denen sich nach und nach weitere angeschlossen haben und die Frente wachsen ließen.
Wie hat die Stadtregierung zunächst auf diese unabhängige Form der Organisation und auf die Mobilisierungen reagiert?
Die Regierung ist mit dieser Art von Organisationen nicht einverstanden, wir waren für sie so etwas wie ein Stein im Schuh. Sie hat bis vor etwa drei Jahren auf die Demonstrationen und die Landbesetzungen mit dem Einsatz der Polizei reagiert. Sie haben die Lager der Landbesetzer geräumt und die Leute geschlagen; wir haben das Gelände dann aber wieder besetzt.
Haben sie sich bei den Räumungen rechtlich auf Forderungen des jeweiligen Landeigentümers gestützt, oder sind sie von sich aus eingeschritten?
In einigen Fällen haben die Eigentümer ein solches Einschreiten gefordert, doch in den meisten Fällen haben wir öffentliche Grundstücke besetzt.
Auf welche inhaltlichen Bereiche konzentriert sich die Arbeit der Frente heute?
Geographisch sind wir vor allem im Stadtviertel Ixtalapa präsent. Es geht nicht nur um Wohnungen, sondern durch die Organisation soll den Mitgliedern auch Zugang zu Erziehung, Gesundheit, Arbeit und Kultur ermöglicht werden.
Wie geht ihr zum Beispiel vor, um den Kindern den Schulbesuch zu ermöglichen?
Zunächst geht es um die Organisierung der Leute, um ein Grundstück für den Bau einer Schule zu erhalten. Nach der Besetzung des Grundstückes konfrontieren wir den für das Erziehungswesen zuständigen Stadtrat mit der Forderung, dort eine Schule zu bauen, damit die Kinder des Viertels zumindest die Volksschule besuchen können.
Als vor drei Jahren Cuauhtémoc Cárdenas von der PRD Bürgermeister von Mexico City geworden ist, hat sich da die Reaktion der Stadtregierung auf eure Forderungen geändert?
Unser Verhältnis zur PRD ist nicht eines der frontalen Konfrontation, wie es jenes zur PRI war, schließlich sieht sich die PRD als linke Partei. Was aber die ökonomischen Forderungen der Menschen betrifft, hat die PRD darauf keine präzise und konkrete Antwort gegeben. In den drei Jahren, in denen die PRD nun schon in der Hauptstadt regiert, ist es uns nicht gelungen, ein Wohnprojekt abzuschließen. Es gibt ihrerseits zwar Bereitschaft zu Dialog und Verhandlungen, die Vereinbarungen werden aber nicht erfüllt.
Kannst Du dafür ein Beispiel nennen?
Wir haben zum Beispiel ein Grundstück für 650 Familien. Das Wohnungsamt hat uns Geld geliehen, um dem Eigentümer den Grund abkaufen zu können. Darüber hinaus hatte sich aber Cuauhtémoc Cárdenas bei einem Besuch des Geländes verpflichtet, den Bau von Häusern zu unterstützen, doch bis zum Ende seiner Amtszeit geschah nichts. Wir haben die Verhandlungen mit seiner Nachfolgerin Rosario Robles fortgesetzt, aber vor kurzem, nach den letzten Wahlen, hat man uns erklärt, daß kein Geld dafür vorhanden ist. Wir überarbeiten jetzt das Projekt, um unseren Einspruch Manuel López Obrador, dem neu gewählten PRD-Bürgermeister, vorzulegen. Das Ganze hat sich über zahlreiche Verhandlungen mehr als ein Jahr lang hingezogen, mit dem Ergebnis, daß sie sagten, es sei nicht möglich.
Welche Erwartungen setzt die Frente Popular in den neuen Bürgermeister?
Manuel López Obrador repräsentiert eine andere Strömung innerhalb der PRD als seine Vorgänger. Er wird als ernsthafter in seinen Positionen eingeschätzt, doch ist es gut möglich, daß sein Spielraum durch eine restriktive Budgetvorgabe seitens der Bundesregierung bzw. des Parlaments eingeschränkt sein wird. In seinem Programm sieht er für das kommende Jahr den Bau von 27.000 Wohnungen vor, da er dem Recht auf eine Wohnung hohen Stellenwert gibt. Ob er das aber umsetzen wird, werden wir sehen.
Offenbar wird sein Handlungsspielraum wesentlich von den politischen und budgetären Vorgaben der konservativen Regierung unter Vicente Fox abhängen. Wie schätzt ihr den künftigen Präsidenten Mexikos ein?
Wir erwarten uns von Fox keinen Wandel zum Besseren, im Gegenteil: Mit seiner Machtübernahme wird es zu zahlreichen sozialen Konflikten kommen. Er wird die bisherige neoliberale Politik weiterführen. Er hat auch bereits Steuererhöhungen angekündigt und tritt auf der anderen Seite für Individualisierung und gegen die Existenz großer sozialer Organisationen ein. Das wird zu Konfrontationen mit diesen sozialen Organisationen und wohl auch zu Repression führen.
Das Gespräch haben Leo Gabriel und Hermann Klosius am 11.11.2000 in Wien geführt.